Mutismus vs. Autismus (ASS) 

Die differenzialdiagnostische Abgrenzung des Mutismus gegenüber der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kann durch drei Merkmale im Verhalten der Betroffenen vorgenommen werden (vgl. Hartmann/Lange 2013):

a) Konstanz

Menschen mit ASS verhalten sich gleich bleibend zurückgezogen, kontaktarm und abwehrend gegenüber Wahrnehmungsanreizen des Umfeldes und bevorzugen selbststimulierende visuelle und auditive Stereotypien, während Mutisten zwei völlig unterschiedliche "Gesichter" zu haben scheinen: hier der introvertierte, gehemmte Schweiger – dort der gelöste, anhängliche Lebhafte.

b) Emotionalität

Menschen mit ASS zeigen sich emotional meistens eher unterkühlt, können nur schwer einen gefühlsmäßigen Kontakt selbst zu ihren Eltern und Geschwistern aufbauen, machen sich schon als Säugling beim Hochheben durch die Mutter körperlich steif. Mutisten sind dagegen in den Situationen, in denen sie sich ungehemmt verhalten und lebhaft sprechen, überaus emotional, suchen geradezu den äußerst engen Kontakt zu einem Elternteil (meistens der Mutter).

c) Sprachentwicklung

Menschen mit ASS entwickeln aufgrund neurolinguistischer und neuromotorischer Störungen häufig nur eine redundante, auf den Ebenen Artikulation, Grammatik-Morphologie, Semantik-Lexikon und pragmatisch-kommunikative Kompetenz auffällig abweichende Sprache. Die Schriftsprache bleibt ihnen häufig verschlossen oder ist allein über die "Gestützte Kommunikation" (Facilitated Communication/FC) anhand von Buchstabentafeln oder Buchstabentastaturen anzubahnen. Mittlerweile werden in die Gestützte Kommunikation auch Methoden und Ansätze der "Unterstützenden Kommunikation" (Augmentative and Alternative Communication/AAC) mit Einsatz von Körpersprache und Gebärden integriert. Mutisten verfügen dagegen über eine mindestens altersentsprechende Entwicklung der (Schrift-)Sprache, benötigen also keine speziellen Konzeptionen einer Kommunikationsdidaktik. In vielen Fällen ist der schriftliche Ausdruck sogar überdurchschnittlich gut, da er aufgrund des situativen Schweigens (z.B. in der Schule) als das Kompensationsmittel eingesetzt wird.

Aus:
Hartmann, B.; Lange, M. (62013): RATGEBER Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Überarbeitete und ergänzte Auflage. Idstein: Schulz-Kirchner