Was ist Mutismus?

Weshalb spricht ein Mensch nicht, obwohl er sprechen kann? Welche Inhibitionsmechanismen greifen beim partiellen bzw. totalen Mutismus ineinander, so dass das Kind, der Jugendliche oder Erwachsene seinen angeboren Trieb, sich verbalsprachlich mit seiner Umwelt auseinandersetzen, mit ihr in Kontakt treten, sich selbst mitteilen zu wollen, nicht mehr anwenden kann, ihn nur noch in gedämpfter Form oder z.T. auch gar nicht mehr verspürt bzw. durch nonverbale Ersatzstrategien kompensiert?

Die Beschäftigung mit diesen Fragestellungen lässt schnell deutlich werden, dass der elektive (auch selektive) bzw. totale Mutismus im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter im Schnittpunkt medizinisch-psychiatrischer, psychologischer und sprachtherapeutisch-logopädischer Sichtweisen und Erklärungsansätze liegt und damit in den meisten Fällen einer interdisziplinären Fokussierung und Betreuung bedarf. Die Sprachtherapie bzw. Logopädie erweist sich hier als Bindeglied zwischen den genannten Disziplinen, nicht zuletzt dadurch, dass sich das Schweigen häufig in Kombination mit Sprachstörungen (33% - 51,9% s. empirische Befunde) oder Bilingualismus-Problemfeldern (21,4% ebenda) zeigt und über die kommunikative Kompetenz hinaus der wiederkehrende Wunsch und Antrieb, Sprechen als etwas Wertvolles und als soziales Instrument zu begreifen, zentrales Anliegen sprachtherapeutischen Bemühens ist. 

Der Terminus "elektiver Mutismus" wurde von dem Schweizer Kinder- und Jugendpsychiater Moritz Tramer (1934) eingeführt und fand internationale Verbreitung. Er wird aktuell durch den Begriff "selektiver Mutismus" ergänzt. In der ICD-10-GM der WHO findet sich unter F94.0 der Begriff "elektiver Mutismus". Die Termini "elektiver Mutismus" bzw. "selektiver Mutismus" beschreiben ein und dasselbe Störungsbild. In der angloamerikanischen Literatur wird in der Regel die Bezeichnung "selektiver Mutismus" verwendet, analog zum DSM-5 (2015) der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie mit der gleichen Codierung F94.0 "selektiver Mutismus". In deutschsprachigen nichtmedizinischen Beiträgen wird in Abgrenzung zur Medizin ebenfalls mehrheitlich vom selektiven Mutismus gesprochen. Der Tradition der medizinischen Literatur folgend verwenden Ärzte im deutschsprachigen Raum häufiger den Terminus "elektiver Mutismus" (s. auch Praxis-Software der verordnenden Ärzte unter F94.0). Die Bevorzugung des einen oder anderen Begriffs lässt sich eher auf ideologisch bedingte Abgrenzungswünsche zurückführen als auf inhaltlich-fachliche Unterscheidungskriterien.

Bei der (Differential-)Diagnostik muss der Mutismus neben der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) (s. Mutismus vs. Autismus) deutlich von weiteren Hemmungsphänomenen abgegrenzt werden. Nach den diagnostischen Leitlinien der ICD-10-GM oder des DSM-5 entspricht nicht jede Sprechhemmung einem Mutismus. Beispiel: Schüler, die sich im Unterrichtskontext nicht melden, aber auf jede Frage von Lehrkräften antworten, wenn sie die Antwort wissen, sind sprechgehemmt, aber nicht mutistisch. Das Kardinalsymptom ist ein andauerndes, hartnäckiges Schweigen, das in der Regel mit einer fehlenden Blickfixierung einhergeht.

Wissenschaftlich lässt sich der Mutismus folgendermaßen definieren: 

(S)elektiver Mutismus

Der (s)elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl

  • psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
  • physiologische Faktoren (familiäre Dispositionen, Hypokonzentration des Neurotransmitters Serotonin im Hirnstoffwechsel, Hyperfunktion der Amygdala, psychiatrische Grunderkrankungen, Entwicklungsstörungen) in Frage, die zumeist in einer
  • gegenseitigen Ergänzung (z.B. Diathese-Stress-Konfigurationen) zur Sprechverweigerung führen.

Totaler Mutismus

Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprechvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen sowohl

  • psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
  • physiologische Faktoren (familiäre Dispositionen, Hypokonzentration des Neurotransmitters Serotonin im Hirnstoffwechsel, Hyperfunktion der Amygdala, psychiatrische Grunderkrankungen, Entwicklungsstörungen) in Frage, die zumeist in einer
  • gegenseitigen Ergänzung (z.B. Diathese-Stress-Konfigurationen) zur Sprechverweigerung führen.

(S)elektiver Mutismus vs. akinetischer Mutismus

Eine Variante des Schweigens ist der sogenannte akinetische Mutismus (vgl. Cairns et al. 1941). Hier zeigt sich das Schweigen in seiner totalen Form. Es treten keine Sprechbewegungen auf (Akinesie). Der akinetische Mutismus unterliegt einer alleinigen hirnorganischen Verursachung und geht mit gedeckten oder offenen Schädelhirntraumata einher bzw. mit Hemmungsphänomenen der zentralen Sprechfunktionen.

Abb. 1: Klassifikation des Mutismus unter Berücksichtigung ätiologischer Kriterien (Hartmann 2002, s. Publikationen)