Wer schwimmen lernen will, muss ins Wasser – Veränderungsbereitschaft im Kontext gesellschaftlicher Einflüsse

Bei der Behandlung von überwindbaren Störungsbildern, zu denen auch der Mutismus gehört, ist neben der Anwendung einer störungsspezifischen Behandlungskonzeption, der Erfassung der individuellen Persönlichkeitsparameter des Betroffenen und der Reduktion der aufrechterhaltenden Strukturen aus dem unmittelbaren Umfeld vor allem ein Faktor essenziell: die Motivation oder Veränderungsbereitschaft des Menschen selbst.

Die Motivation des Einzelnen unterliegt dabei nicht nur der eigenen Steuerungsfähigkeit und den unbewussten Anreizen für ein Verhalten, sondern auch und vor allem einer Beeinflussung durch seine Mitmenschen, die wiederum Bestandteil übergeordneter Gesellschaftsstrukturen sind. Gesellschaften aber verändern sich. Stetig. In der Regel durch die jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Systeme, die ihrerseits, erst recht zu Beginn des 21. Jahrhunderts, global vernetzt sind. Aber auch Zeitgeistströmungen hinterlassen ihre Spuren. In der Mode. In der Musik. In der Ethik. Im Habitus. Es wird aufgezeigt, dass die Maxime der Akzeptanz von Störungen – einem wichtigen Merkmal des demokratischen und toleranten Lebensstils – bei der Überwindung von Entwicklungshemmnissen auch Schattenseiten haben kann.

(...) Motivation, Veränderungsbereitschaft, Anstrengung oder "üben, üben, üben", wie von McHolm et al. (2005) für die Überwindung des Mutismus gefordert, klingen wie Vokabeln aus einer anderen Zeit. Dabei waren und sind diese Faktoren für den Anstieg von Leistungszuwächsen zu jeder Zeit gültig. Gestern, heute, morgen. Sie sind auch nicht auf bestimmte Kulturen, Epochen oder Wohlstandsstufen einer Gesellschaft beschränkt, sondern universell und ständiger Begleiter in der Entwicklung des Menschen.

Haben wir verlernt, uns anzustrengen?

Wer schwimmen lernen will, muss ins Wasser. Das war einmal Konsens, auch im übertragenen Sinn. Den Unterschied zu heute stellen die folgenden beiden Abbildungen dar:

  • Abb. 2: learning by doing
  • Abb. 3: doing without learning.

Abb. 2: Schwimmen lernen 1970. Learning by doing (Brunner/Hartmann 2015)

Abb. 3: Schwimmen lernen heute. Doing without learning
(Brunner/Hartmann 2015)

Wir können, wie bei der Abbildung 3, links unten, die motorischen Abläufe der Schwimmbewegungen in der Physiotherapie üben lassen. Auch Powerpoint-Präsentationen, folgt man im Uhrzeigersinn, zum Thema "Die Unterwasserwelt" sind möglich, wenngleich vielleicht auch nicht für jeden Zuschauer gleichsam unterhaltsam, wie man sieht. Dagegen ist der Besuch des Aquariums geradezu abenteuerpädagogisch ausgerichtet. Und natürlich: Die Eltern sollten über die Risiken des Schwimmunterrichts und überhaupt des Aufenthalts im kühlen Nass juristisch aufgeklärt werden.

Nur eines lernt man auf diese Weise mit Sicherheit nicht: schwimmen!

5. Conclusio

Bei Mutismus stellt die Akzeptanz den ethischen Rahmen dar, in dem sich Betroffene und Helfende, Patienten und Therapeuten, Schüler und Lehrer bewegen. Sie ist jedoch keine Behandlungsstrategie. Erst recht kein Selbstzweck. Akzeptanz befreit auch nicht von der drohenden Unmündigkeit des von Mutismus Betroffenen und kann sogar zu ihrer Beschleunigung beitragen. Der Ausgang aus dem Entwicklungsstillstand Schweigen führt über zielgerichtetes Handeln, genauer: Sprechen. Eine ehrliche Debatte erscheint hier überfällig.

Wir können uns heute glücklich schätzen, mehr über die Hintergründe dieser komplexen Angst- und Kommunikationsstörung zu wissen. Mutismusspezifische Konzeptionen und erfreuliche Therapieerfolge erzeugen mittlerweile sowohl bei den Betroffenen als auch bei den Behandlern einen zuversichtlichen Blick nach vorn, den es bis in die 1990er Jahre hinein in der jetzigen Qualität nicht gab. Allerdings gibt es keinen Anlass, die Hände in den Schoß zu legen, zufrieden mit sich selbst oder mit Teilerfolgen zu sein und den großen Wurf nicht zu wagen, Betroffenen das Sprechen unabhängig von Person und Situation zu ermöglichen.

Hier gilt: Das Ziel ist das Ziel. Klingt ungewohnt, nicht wahr? Hieß es bisher nicht immer, der Weg sei das Ziel? Was für transzendentale Prozesse sicher richtig ist, trifft bei Störungsbildern oft nicht den Kern. Es wird Zeit, dass wir umdenken und uns weiterentwickeln.

Wir haben uns schon viel zu lange nur mit dem Weg abgefunden.

Aus: 
Hartmann, B. (2015): Wer schwimmen lernen will, muss ins Wasser - Veränderungsbereitschaft im Kontext gesellschaftlicher Einflüsse. Mutismus.de 7/13, 14-25