Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT® 

Module, Grundprinzipien und weitere Literatur

Die Module der Systemischen Mutismus-Therapie

Abb.1: Die Module der Systemischen Mutismus-Therapie/SYMUT®

Die Systemische Mutismus-Therapie®, abgekürzt SYMUT®, basiert auf einem systemischen Menschenbild (Modul 1), wonach keine linearen Verursachungsmuster mit eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen angenommen werden, sondern zirkuläre Prozesse. Diese zirkulären Prozesse beinhalten Wechselbeziehungen zwischen der betroffenen Person und der Umwelt, aber auch Wechselbeziehungen innerhalb der betroffenen Person. Der Mensch ist nach diesem Verständnis zugleich Systemmittelpunkt als auch Randpunkt.

Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Mutismus werden demnach Interaktionskreisläufe einbezogen wie

  • Beziehungs- und Kommunikationssysteme innerhalb der Familie,
  • Wechselbeziehungen zwischen der/dem Schweigenden und den selbstgewählten Bezugspersonen (Freunde, Partner),
  • Wechselbeziehungen zwischen der/dem Schweigenden und den erweiterten sozialen Kontakten (Nachbarn, Kindergärtnerinnen, Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Fremde),
  • Wechselbeziehungen innerhalb der betroffenen Person zwischen organischen und psychologischen Merkmalen (Leib-Seele-Dualismus) wie z.B. Vorbelastung durch familiäre Anlagen für kommunikative Gehemmtheit und sozialen Rückzug in Kombination mit einer neurotischen oder erlernten Abwehr von angstauslösenden Sprechsituationen durch Vermeidung,
  • Wechselbeziehungen zwischen dem vorliegenden Mutismus und zusätzlichen (psychoreaktiven) Verhaltensstörungen wie Zurückhalten von Harn (Urinretention) und plötzliches Einnässen in der Schule oder im Kindergarten, weil nicht nach der Toilette gefragt wird,
  • Wechselbeziehungen zwischen der Ursache (erbliche Vorbelastung/Prädisposition, Störung des Serotonin-Haushalts im Hirnstoffwechsel, Hyperreaktion der Amygdala, des Angstzentrums im limbischen System, in dem die Emotionen des Menschen gesteuert werden) und dem Auslöser (Kindergarteneintritt oder Einschulung).

Bestandteile der 8-Stufen-Diagnostik (Modul 2) sind:

  1. Mutismusdiagnostik und Differentialdiagnostik,
  2. Neurologische Untersuchung, 
  3. HNO-ärztliche Untersuchung, 
  4. Patienten- und Familienanamnese mit dem Kölner Mutismus Anamnesebogen (K-M-A) (s. Diagnostikbögen),
  5. Psychologische Interpretation,
  6. Sprachdiagnostik mit der Definition des aktuellen Sprachstatus,
  7. Bewertung des sozialen Kommunikationsverhaltens mit dem Mutismus-Soziogramm und dem Evaluationsbogen für das sozialinteraktive Kommunikationsverhalten bei Mutismus (E-S-K-M) (s. Diagnostikbögen), 
  8. Beschreibung emotionaler Motivationskritierien.

In interdisziplinären Gesprächsrunden (Modul 3) werden Personen der jeweiligen Einrichtung (Kindergarten, Schule, Wohnheime etc.) konzeptionell in die therapeutische Arbeit einbezogen und Möglichkeiten besprochen, wie Behandlungsmaßnahmen vor Ort eingeführt bzw. angewendet werden können, damit das angebahnte Sprechen im therapeutischen Setting in das soziale Lebensumfeld transferiert werden kann. Denn: Über Erfolg bzw. Misserfolg einer Therapie entscheidet nicht das Sprechen in der Praxis, sondern das Sprechen in den ehemals sozialphobisch gefürchteten Alltagssituationen!

Die Frage, ob für das betroffene Kind bzw. den schweigenden Jugendlichen eine (inkludierte) Regelschule, Förderschule oder integrative Schule die angemessene Förderung darstellt, wird in der Beratung/Elternarbeit (Modul 4) ebenso gemeinsam beantwortet wie die Umgehensweise der Eltern und Geschwister mit der/dem Schweigenden zu Hause. Wichtig ist in jedem Falle die Aufdeckung bzw. Vermeidung eines subjektiven Krankheitsgewinns, da Faktoren wie verstärkte Aufmerksamkeit in der Familie bzw. Schule, die Vermeidung von altersadäquaten Aufgaben und Pflichten sowie eine permanente Sonderstellung der Betroffenen zu einer Aufrechterhaltung des Schweigens führen und damit die Selbständigkeit der mutistischen Person, die ohnehin durch die Sprechhemmung enorm eingeschränkt ist, weiter reduzieren.

Die Mutismus-Therapie in 4 Phasen (Modul 5) ist schließlich auf die Auflockerung bzw. Überwindung des Schweigens ausgerichtet unter Einbeziehung des familiären Hintergrundes und sozialen Umfeldes des Betroffenen. Dabei wird in direktiver Form das Sprechen angebahnt. Wie an der Bezeichnung der Behandlungsphasen zu erkennen ist, wird bei der Extension der Verbalsprache die didaktische Reihenfolge Laut-, Silben-, Wort-, Satz- und Spontansprachebene berücksichtigt:

  • I. Präverbale Phase.
  • II. Lexikalisch-syntaktische Phase.
  • III. Kommunikativ-sozialinteraktive Phase.
  • IV. Nachbetreuungsphase.

Die Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT® ist interdisziplinär ausgerichtet und versteht sich als gemeinsames Aufgabenfeld von Psychiatrie, Psychotherapie und Sprachtherapie. Aus diesen drei Fachgebieten werden diejenigen Behandlungsmaßnahmen zusammengeführt, die für den Einzelfall notwendig sind und die gefürchteten psychosozialen Konsequenzen wie

  • soziale Isolation,
  • gravierende Schulprobleme,
  • inadäquate Schulabschlüsse und
  • reduzierte Berufsperspektiven

abschwächen bzw. auflösen. Bei der Einbettung des Mutismus in eine ausgeprägte Sozialphobie und/oder Depression, in besonders therapieresistenten Fällen oder bei einer vom Kleinkindalter an bestehenden Mutismusbiographie kann eine medikamentöse Flankierung der Betroffenen vorgenommen werden. Da schwere Ängste und Depressionen häufig mit Störungen des Serotoninhaushalts (Hypokonzentrationen) im Hirnstoffwechsel verbunden sind, eignen sich besonders solche Medikamentengruppen, die speziell auf den Serotoninspiegel einwirken. Diese sind:

  • selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRI),
  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) oder
  • Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI).

Die diesbezüglichen Wirkstoffe heißen:

  • Fluoxetin, Fluvoxamin, Sertralin, Paroxetin, Citalopram, Escitalopram (SSRI-Gruppe)
  • Venlafaxin, Duloxetin, Milnacipran (SNRI-Gruppe) und
  • Reboxetin (NARI-Gruppe).

Der Einsatz von Antidepressiva sollte immer in einen Gesamtbehandlungsplan integriert werden. Als Vorstufe der Medicotherapie können im Kindesalter aber auch Konstitutionsmittel aus dem Bereich der Homöopathie eingesetzt werden. Hier haben sich im individuellen Einsatz Barium carbonicum, Calcium carbonicum, Johanniskraut, Lycopodium, Phosphor und Sulfur als wirkungsvoll erwiesen.

SYMUT® - die Grundprinzipien

Über die Leitgedanken Veränderung, Zuversicht, Ich-Stärkung, Antriebssteigerung und Selbstdisziplin lässt sich ein Rahmen schaffen, der es den Betroffenen ermöglicht, sich aus der Umklammerung des Mutismus und des sozialen Rückzugs zu befreien. Lebensbejahung und aktive Lebensgestaltung müssen (wieder) in den Blickpunkt der eigenen Schöpfungskraft gestellt werden. Die Mutismus-Therapie erhält damit die Aufgabe, Visionen zu erzeugen. Nur wer von positiv besetzten Zielen getragen wird, ist in der Lage, Zukunft zu gestalten. Unter die Rolle des Verzagten, Antriebslosen – des Sonderlings – muss ein Schlussstrich gezogen werden. Der Blick geht nach vorn. Ein Neuanfang muss her. Und er ist möglich, wie die Lebensläufe im Buch "Gesichter des Schweigens – Die Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT als Therapiealternative" zeigen. Die Therapeuten sind gefordert, durch die Vermittlung von Zuversicht eine Initialzündung herbeizuführen und diesen Spannungsbogen nicht abreißen zu lassen. Die Betroffenen können ihrerseits die Prognose aktiv verbessern, wenn sie "den Ball annehmen" und sich für eine Veränderung ihrer Situation entflammen lassen. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Selbstüberzeugung und damit Ich-Stärke werden zur zentralen Kategorie eines positiven Behandlungsverlaufs.

Zusammenfassend lassen sich die therapeutischen Grundprinzipien, über die eine psychosoziale Öffnung der Schweigenden angestrebt wird, folgendermaßen darstellen:

Therapeutische Grundprinzipien der Konzeption SYMUT

Abb. 2: Therapeutische Grundprinzipien der Konzeption SYMUT®

Die Neuausrichtung der Lebensgestaltung geht jedoch nicht nur von den Behandlern und den Schweigern aus. Allen am Therapieprozess Beteiligten kommt die Aufgabe zu, Zukunftsperspektiven für eine selbstbestimmte soziale Teilhabe und Unabhängigkeit zu schaffen und durch fachliche wie personale Kompetenz der Gefährdung entgegenzutreten, Mutismus und die von Mutismus Betroffenen durch unspezifische Betreuungsmuster nur zu "verwalten". Dieser Anspruch wird durch die Tatsache, dass Mutismus im frühen Kindesalter beginnt und tiefgreifende Konsequenzen für die gesamtpersonale Entwicklung haben kann, zu einer disziplinübergreifenden Handlungsmaxime. Denn: Jeder Mensch hat ein Recht auf Zukunft, auch der vom Mutismus betroffene.

SYMUT® - weitere Literatur

Die Internetdarstellung der verschiedenen Therapiemodule verweist nur auf eine Skizzierung der Behandlungskonzeption. Komplexe Hintergrundinformationen können sowohl der folgenden Literatur

  • Hartmann, B. (2004): Die Behandlung eines (s)elektiv mutistischen Mädchens nach dem Konzept der Systemischen Mutismus-Therapie/SYMUT – Teil 1. Forum Logopädie 18/1, 20-26
  • Hartmann, B. (2004): Die Behandlung eines (s)elektiv mutistischen Mädchens nach dem Konzept der Systemischen Mutismus-Therapie/SYMUT – Teil 2. Forum Logopädie 18/2, 30-35
  • Hartmann, B. (2007): Systemische Mutismus-Therapie. Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lexikon der Sprachtherapie. Stuttgart: Kohlhammer
  • Hartmann, B. (Hrsg.) (42013): Gesichter des Schweigens - Die Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT als Therapiealternative. Idstein: Schulz-Kirchner

als auch den jeweiligen Fortbildungsveranstaltungen entnommen werden (s. Fortbildungen).